Russische Einkaufstasche: wie der Verzicht auf Plastiktüten half, ein Unternehmen mit dem Umsatz von 100 Millionen Rubel aufzubauen

Valeria Borodina Forbes Staff, Anastasia Mitkevich Forbes Staff

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Ivan Rybnikov aus Jekaterinburg hat den "grünen" Trend rechtzeitig erkannt und ist mit Öko-Taschen - einer Alternative zu Plastiktüten - große Handelsketten angesprochen. Wie helfen "ABC of Taste" und "Auchan" und ihre bewussten Käufer dem Unternehmen, sich weiter zu entwickeln?

Im November 2017 waren die Kunden der Auchan-Supermärkte überrascht: Dünne Plastik-Hemdchentüten, die man früher für die Verpackung von Produkten an den Kassen kostenlos nehmen konnte, sollten ab diesem Zeitpunkt bezahlt werden. Diese Entscheidung der französischen Handelskette hatte gar nicht den Zweck, mehr Geld von den Käufern zu bekommen. Diese Innovation hatte eine ausschließlich ökologische Mission. 


Einwegverpackungen gehören laut Greenpeace-Daten zu den 10 wichtigsten Schadstoffen für Ozeane und Küstengebiete der Welt. ConservingNow schätzt, dass weltweit mehr als eine Million Kunststoffprodukte pro Minute verbraucht werden - mehr als 1 Billion Stück pro Jahr. Nur eine von 200 Kunststoffverpackungen wird recycelt. 

"Die Grüne Initiative" zur Reduzierung des Plastiktütenverbrauchs wurde nach „Auchan“ in Russland von anderen großen Einzelhändlern wie „VkusVill“ und „ABC of Taste“ unterstützt. Es gibt keine einzige große Lebensmittelkette mehr im Land, die Pakete kostenlos ausgeben würde. Dies war der Anstoß für die Entwicklung von Ivan Rybnikovs Unternehmen Ecoprost - dem Hersteller von wiederverwendbaren Einkaufstaschen. 

"Der Markt hat uns zunächst nicht akzeptiert. Die Menschen haben keine Vorteile bei unserem Produkt gesehen", erinnert sich der Unternehmer mit Bedauern. Aber der Trend des Einzelhandels half, und 2018 erreichte der Umsatz von Ecoprost 100 Millionen Rubel. Die Öko-Taschen des Unternehmens gibt es inzwischen zusammen mit Einwegverpackungen in den Ketten „Auchan“, „Okey“, „Karussel“, „Magnit“ und anderen. 


Pioniere der Öko-Taschen 

Der Diplom-Ökonom Rybnikov arbeitete neun Jahre lang bei der Firma Vin-Kom aus Jekaterinburg, die Komponenten für Kunststofffenster herstellte. Um sein eigenes Unternehmen zu gründen, verließ er seine Managerposition. Zufällig entdeckte er eine Marktnische für sein Unternehmen, als Ende 2013 Rybnikov auf der Suche nach einer Idee auf einen Videoclip für die Produktion von Öko-Taschen im Internet stieß. 

Es stellte sich heraus, dass es zu diesem Zeitpunkt in Russland praktisch keine Unternehmen im Bereich der grünen Verpackungen gab. Während die Behörden in China und Europa die Einzelhändler für den Verkauf von Plastiktüten besteuerten und sie motivierten, auf Taschen aus natürlichen und biologisch abbaubaren Materialien umzusteigen, verteilte man in russischen Geschäften "Plastiktüten kostenlos, niemand motivierte die Verbraucher, wiederverwendbare Taschen zu kaufen", erinnert sich der Unternehmer. 

Rybnikov beschloss, zunächst einen Partner zu suchen, um Startkapital zu sammeln und die Risiken zu teilen. Er steckte mit dieser Idee seinen Kindheitskameraden Ilya Nechaev an, dessen Anteil an EcoProst bei 40% lag. "Wir haben alles, was wir hatten, auf das Spiel gesetzt. Ich habe meine eigenen Ersparnisse angelegt. Außerdem musste ich sogar mein Auto verkaufen", sagt Nechaev Forbes. 

Die Partner haben EcoProst 2014 gestartet. Die ersten Investitionen in Höhe von 3 Mio. Rubel wurden für den Kauf der Produktionsanlage und Einrichtung der Betriebsfläche in der Stadt Polewskoj, Gebiet Swerdlowsk getätigt, im Heimatort der Partner. Sie beschlossen, wiederverwendbare Beutel aus Spinnvlies herzustellen. Nach diesem Verfahren werden Garnen oder Fasern aus Polymerschmelzen oder -lösungen zu einem Vlies zusammengefügt. "Dies ist die wirtschaftlichste Variante der Öko-Taschenherstellung", erklärt Eva Palienko, Ecopacking-Projektleiterin bei EnergoStyle-Packing, einem Lieferanten von Öko-Taschen für das Handelsnetz "VkusVilla". 

EcoProst kauft das Rohmaterial bei NGK Engineering und Moskauer Vermittlern, die dieses Material aus Weißrussland geliefert bekommen. Dann werden Schablonen gefertigt, und die Endprodukte auf der eigenen Produktionsstätte zusammengeschweisst. Nach Rybnikov beträgt der Kilopreis für Spinnvlies 130-150 Rubel. Der Verkaufspreis eines einzelnen Erzeugnisses liegt bei etwa 30 Rubel, während die Selbstkosten halb so niedrig sind. 


Spinnvliesprodukte werden nach 10 bis 12 Monate in der Sonne zersetzt und nach etwa 5 Jahren in einem geschlossenen Raum. "Im Alltag wird Ihnen eine solche Tasche ca. drei Monate dienen", versichert Rybnikov. Zum Vergleich: Menschen verwenden eine Einweg-Plastiktüte im Durchschnitt nur 12 Minuten, und deren Zersetzungszeit kann bis zu 400 Jahre betragen. " Aus ökologischer Sicht kann Spinnvlies nicht mit Bioprodukten wie Papiertaschen oder Leinentaschen konkurrieren", gibt der Gründer von Ecoprost zu. Laut Alexander Ivannikov, einem Experten des "Zero Waste" Projekts bei Greenpeace Russia, können Spinnvlies-Mikrofasern negative Auswirkungen haben, die mit anderen Mikrokunststoffen vergleichbar sind, aber trotzdem sind Taschen aus diesem Material besser als Einweg-Polyethylentüten. 


Wachstum dank Globus 

Die ersten zwei Jahre erwiesen sich als die schwierigsten für die Gründer von Ecoprost, sie konnten nicht mehr als 3000 Pakete pro Monat verkaufen. "Der Umsatz des Unternehmens lag nicht über 50.000 Rubel, also hatte ich es nicht eilig, meinen früheren Arbeitgeber Vin Kom zu verlassen", erinnert sich Rybnikov. 

Um den Kundenkreis zu erweitern, mussten die Partner das Produkt und die Marke wiedererkennbar machen. Geschäftsleute beschlossen, Produkte über große b2b-Kunden zu verkaufen: "Wir setzten darauf, dass kleine Geschäfte große Ketten kopieren werden". Diese Strategie ermöglichte es uns, das Budget für die Werbung zu minimieren. Darüber hinaus, so Rybnikov, war es schwierig, die Vorteile ihres Produkts für Kleinunternehmer und Privatkunden zu erklären. Und die Mitarbeiter der großen Einzelhändler haben einen KPI, Produktpalette zu erweitern. "Wenn ein Kettengeschäft vor solchen Herausforderungen stand, konnte man einen Deal erwarten. Andernfalls hätten die Verhandlungen für lange Zeit verzögert werden und zu keinen Ergebnissen führen können", sagt der Unternehmer. 

Die Erfahrung im Verkaufsbereich half Rybnikov und Nechaev, Kunden zu finden. Ihre ersten großen Kunden waren die Schnapsladenkette "Seven Fridays" und die Lebensmittelkette "Picnic" in Jekaterinburg (die es nicht mehr gibt). EcoProst erreichte 2016 die föderale Ebene mit einem Vertrag über die Lieferung von Öko-Taschen für Globus, eine internationale Kette von Lebensmittelgroßmärkten. Gleichzeitig zogen die Hersteller Investitionen in Höhe von 3 Mio. RUB an. Der Name des Investors wird geheim gehalten. Vor einem Jahr verließ Nechaev das Unternehmen und Rybnikov kaufte seinen Anteil. 

Der Verzicht der Einzelhändler auf kostenlose Verpackungen hat die Entwicklung des Öko-Taschenmarktes vorangetrieben. Der St. Petersburger Hersteller von Einwegtaschen und Mehrwegbeuteln "DAR" schätzt das Marktvolumen aller Arten von Mehrwegbeuteln auf mehr als 50 Millionen Stück pro Jahr. Nach der Prognose des Unternehmens wird der Markt in drei Jahren um 20% wachsen. "DAR" selbst liefert wiederverwendbare Taschen aus Spinnvlies und Nylon an "ABC of Taste". 


Der Verzicht der Einzelhändler auf kostenlose Verpackungen ist eine der wirksamsten Maßnahmen zur Bekämpfung der Verbreitung von Einweg-Kunststoffprodukte in Russland, sagt Alexander Ivannikov. "Das trägt schon kurzfristig dazu bei, den Plastiktütenumsatz um 40% zu reduzieren", sagt Greenpeace-Expert mit Hinweis auf Daten von "VkusVilla". Laut Schätzungen von "ABC of Taste" nahmen Kunden jeden Monat 7 Millionen Pakete aus den Geschäften mit. Von Oktober bis November letzten Jahres sank der Umsatz von Polyethylenbeuteln in Handelsketten um 65%, von 7 Millionen auf 2,5 Millionen Stück. Laut MarketMedia erreichte im Jahr 2018 die Zahl der Handelsketten, die Mehrwegbeutel verkaufen, 325, während es vor vier Jahren noch 169 waren. 

Auf dieser Grundlage ist der Umsatz von Ecoprost in zwei Jahren um 100% gestiegen. Öko-Pakete machen 90% des Umsatzes aus, während andere Spinnvlies-Verpackungsmaterialien die restlichen 10% betragen. Das Unternehmen produziert rund 350.000 Beutel pro Monat. "Wir bleiben an dieser Stelle nicht stehen. In naher Zukunft planen wir, die GUS und den europäischen Markt zu erschließen", versichert Rybnikov. Nach Angaben des Unternehmers verhandelt er bereits mit potenziellen Investoren über eine Expansion ins Ausland.